Ein Drittel des Ghana Kuchens

Halli Hallo ihr Lieben,
Ein Drittel meiner Zeit in Ghana ist um, vier Monate habe ich nun schon hier verbracht und viele Erfahrungen habe ich bereits gesammelt. Lange habe ich wieder nichts von mir hören lassen, aber nun kommt eine spannende Zeit und ich versuche euch auf dem Laufenden zu halten: Ich fahre heute mit meinem Gastbruder Jonas in den Norden Ghanas (Bolgatanga) und werde von dort aus mit ihm verschiedene Projekte besuchen, die von der Stiftung Stefansfonds ins Leben gerufen wurden und ganz verschiedene Themenbereiche anschneiden. Wir werden diese alle besuchen, uns ein Bild von der Lage machen und dann sehen, mit welchen Investitionen dort am Besten geholfen werden kann. Ich bin unglaublich gespannt auf die Projekte und das Leben im Norden, da die Lebensverhältnisse wohl noch um einiges schlechter sind, als hier, da die Menschen nicht nur vom Farming leben können, da die Region viel heißer und trockener ist.
Ich werde am 19. Dezember zurückkommen und schon am 23. Dezember kann ich dann meine Familie und meinen Freund wieder in die Arme schließen! Ich freue mich so sehr!!

Aber nun “was bisher geschah”, also ein bisschen Daily life und auch ein bisschen was über meine Schwierigkeiten mit der ghanaischen Kultur/Mentalität:

Am Anfang des Monats hatte ich ein sehr langes Gespräch mit einer der JHS Lehrerinnen, weil wir gerade beide nichts zu tun hatten und im Laufe des Gesprächs kam dann mal wieder, dass ich ja schon dick geworden bin (bin ich mittlerweile schon gewöhnt, aber tut trotzdem immer ein bisschen weh…)
Dann kam aber noch etwas, dass ich viel schlimmer fand und zwar ist sie der festen Überzeugung, dass alle Deutschen rassisten sind und dass ihr alle Misstrauen würden, wenn Sie jetzt nach Deutschland reisen würde… Die Deutschen würden ja auch von den Afrikanern denken, sie leben auf Bäumen und verhalten sich wie Affen. Und dann kam ein anderer Lehrer noch dazu und meinte, dass es doch wahr ist und dass ich vielleicht einfach anders bin (oder mich davon überzeugen wollte?!), aber im Grunde alle Deutschen so wären und denken würden… Ich habe ihnen dann versucht zu erklären, dass sie etwas falsch über uns denken, da wir doch aus unserer Geschichte gelernt haben (die meisten zumindest, Ausnahmen gibt es immer) und mit christlichen Werten, wie Gleichberechtigung und Toleranz aufwachsen und habe dann allerdings den Fehler gemacht und die Legalität von Homosexualität als Beispiel für Toleranz genommen… Dann wurde sofort die Bibel heraus geholt, die Seite aufgeschlagen und vorgelesen: “And likewise also the men, leaving the natural use of the woman, burned in their lust one towards another, men with men working that which is unseemly and receiving in themselves that recompense of their error which was meet. […] Being filled with all unrighteousness, […], disobedient to parents, […], without natural affection ,[…]: Who knowing the judgement of God that they which commit such things are worthy of death.” !!!
Ich kann also nicht mit diesen Leuten diskutieren, denn das ist mir jetzt schon öfter passiert. Es ist steht in der Bibel und hier wird sehr streng nach der Bibel gelebt. In der Schule lernen die Kinder nichts über Evolution und den Urknall, weil die Erde ja in 6 Tagen von Gott geschaffen wurde und auch das Schlagen in der Schule wird mit der Bibel gerechtfertigt, denn die Christen in Ghana sind einfach strenge Fundamentalisten. Ich denke, der Unterschied zu Deutschland besteht darin, dass wir die Religion zuhause leben und nicht lernen, da wir die christlichen Werte (wie zB Nächstenliebe und Toleranz) vertreten, aber nicht jedes Wort der Bibel auf die goldene Waage legen.
Das ist jedoch Religion und deshalb will ich das jetzt nicht weiter vertiefen… Viele Diskussionen bringen mich jedenfalls an den Rand der Verzweiflung!
Was mich an Ghana aber zB unglaublich positiv überrascht, ist die große Harmonie, in der Christen und Muslime zusammenleben! Die Feiertage beider Religionen sind staatlich und werden respektiert und dann gibt es sogar Schulen, in denen Muslime und Christen gemischt gehen und bei dem wöchentlichen Worship (beten und lernen der Religion) wird auf dieser Schule nur gesagt, dass jeder zu seinem eigenen Gott beten soll und die Schüler werden in beiden Religionen unterrichtet! Mohammed hat mir verraten, dass die meisten Muslime hier nicht den Sui oder den Shii angehören, sondern den Alisundra und die glauben nur an Mohammed als einzigen Propheten. So ganz habe ich die Unterschiede aber auch nicht verstanden…

Außerdem hatte ich diesen Monat meinen ersten “Zusammenbruch”, das erste Mal, dass ich nicht mehr wusste, wie ich das hier durchstehen soll und wie ich mich mit dieser Kultur auseinandersetzen soll:
Wir haben ja in der Schule jeden Morgen und jeden Mittag Assembly, d.h. dass alle Schüler sich nach Klassen geordnet in Reihen aufstellen, die Nationalhymne singen, beten, das “Vater Unser” sagen und dann alle gemeinsam in die Klassen marschieren. Die Kinder werden geschlagen, wenn sie sich dabei zu viel bewegen oder nicht gerade stehen oder einfach nicht mitmachen, daran habe ich mich (so traurig es klingt) mittlerweile schon gewöhnt… Aber dieses eine Mal war es einfach zu viel für mich. Nach dem Mittags-Assembly lagen einfach 3 Kinder in meiner Klasse, haben geschluchzt und lagen auf der Bank, völlig aufgelöst und ich habe sie dann in den Arm genommen und getröstet, der Lehrer und die anderen Schüler waren noch nicht da. Ich war aber einfach so entsetzt über die Situation, weil sie Sand mit zur Schule bringen sollten und wer das nicht gemacht hatte, wurde nicht nur geschlagen, der wurde regelrecht verprügelt! Die Kinder lagen auf dem Boden, haben geheult und geschrien und die Lehrerin hat trotzdem immer weiter geschlagen!!! Aus jeder Klasse bestimmt2-4 Kinder… Nachdem ich mich, so gut es eben ging, um die Kinder aus meiner Klasse gekümmert hatte (ich habe mittlerweile echt schon eine gewisse Bindung zu Ihnen, ich kenne ihre Persönlichkeiten, weiß, wem das Lernen leichter fällt und wer Schwierigkeiten hat und kenne die Frechen und die Schüchternen…), konnte ich nicht mehr und habe angefangen zu weinen. Dafür bin ich natürlich so schnell wie möglich rausgegangen mit Josi, damit die Kinder nicht sehen, wie mich das mitnimmt und wie ich weine, aber einige haben es dann doch gesehen und meinem Klassenlehrer erzählt… Der musste mich anschließend natürlich nochmal drauf ansprechen und mich dafür auslachen und meinte, dass das alles verdient war und dass die Kinder ja wüssten, wofür sie geschlagen würden. Der Headmaster hätte das ja gestern allen angesagt und dann müsse man ja auch dran denken…
Ich war einfach nur fassungslos und geschockt. Das war wirklich kein Schlagen mehr, das grenzte schon an Misshandlung! Alle Lehrer standen drum herum und der Headmaster hat Anweisungen verteilt und mit rumgeschrien… Aber fragt sie mal irgendwer nach nem Grund? Kein Geld, keine Familie, zu viel Arbeit?! Ich bin mir fast sicher, dass das niemand freiwillig vergessen hat!
Aber in der Bibel wird ja auch geschlagen, bekomme ich so oft zu hören… Na Und?!?!?? Das war zufälligerweise auch vor 2.000 Jahren… nur weil die da mit Kühen in nem Stall geschlafen haben, um sich zu wärmen, muss man das doch nicht hier auch machen!

Ich hatte aber auch einige wundervolle Momente mit meinen Schülern und konnte sogar ab und zu mal unterrichten.


In den Pausen mache ich jetzt auch mehr mit den Schülern (spiele zum Beispiel ihr Lieblingsspiel Ampe mit Ihnen oder leite Wettrennen oder Fangen) und sehe mich nicht mehr als Lehrer, sondern viel mehr als Sozialarbeiter bzw. Ansprechperson für die Kinder, weil ich mich nicht mit der Lehrerposition identifizieren will. Auch wenn ich unterrichte, sage ich ganz klar zu Beginn “please hide the ken, I will never use it, but I expect that you’re respecting me”. Und es funktioniert!
Einmal saß ich auch einfach in der Pause im Klassenraum und habe auf meinem Kindle gelesen, als Millicent (eine der wirklich schlauen und super lieben Schülerinnen) mich gefragt hat, was ich mache und dann habe ich einfach ein englisches Buch geöffnet und zusammen mit ihr und 5 anderen laut gelesen. Alle halbe Seite habe ich es kurz nochmal erklärt und es hat wirklich Spaß gemacht, weil sie mich wirklich darum gebeten haben und selbst Spaß dabei hatten!
Ich bin auch mehrmals schon morgens um 6 Uhr zur Schule gekommen, um mit dem Volleyballteam zu trainieren, denn das besteht größtenteils aus Schülern und Schülerinnen aus der 6. (also meiner) Klasse und ich habe Ihnen einen neuen Volleyball gekauft. Im Januar, Anfang nächstens Terms, findet nämlich die Sportcompetitionweek statt, das heißt, dass alle Schulen aus einem Bezirk zusammen kommen und eine Woche lang in verschiedenen Disziplinen gegeneinander antreten: Fußball, Volleyball, Netball (ähnelt Basketball ein wenig) und Leichtathletik. Es gibt von jeder Schule 4 Teams pro Sportart (Mädchenteam und Jungsteam der JHS und Mädchenteam und Jungsteam der Primary School). Um es “fairer” zu machen, gibt es für jede Altersklasse (Primary und JHS) ein Höchstgewicht, damit das Alter ungefähr ähnlich bleibt… Damit werden allerdings auch die Dicken ausgeschlossen und alle, die nicht im Schulteam sind, dürfen auch nicht mit trainieren. Wir sind aber auch vor zwei Wochen nach Numeral gefahren, einem anderen kleinen Ort außerhalb unseres Bezirks und haben dort Freundschaftsspiele gespielt, um für die Competitionweek zu trainieren! Das Busfahren dorthin war ein wahres Abenteuer!! Wir haben in diesen Bus (so mit 40 Sitzen) bestimmt 100 Menschen hineinbekommen! 😀

Ich hatte zwei kleine Kinder auf dem Schoß (die anderen Lehrer natürlich keine) und in jede Reihe haben sich um die 6 Schüler hineingequetscht! Aber es hat sich gelohnt, die kleinen waren unglaublich happy darüber, dass ich mitgekommen bin und am Ende des Tages gab es noch Fufu mit Groundnutsoup für alle Lehrer! 🙂

Außerdem habe ich die Natur hier unglaublich zu schätzen gelernt! Ich liebe das ganze grün und die Wärme und immer wenn ich an den Strand nach Winneba fahre (so jedes zweite Wochenende für 4 Cedis, also 1€) kaufe ich mir eine Kokosnuss und entspanne einfach einen Tag am Strand. Dort kann ich dann die Fischer beobachten, wie sie ihre Netze an Land holen und ihre Fischerboote zu Wasser lassen.

Ich höre die Musik der Reggaebar oder genieße die Stille an der romantischen Lagune, wenn ich den Strand ein bisschen entlanglaufe.
Auch den Open Market (also dass alle Leute auf der Straße entlanggehen und Sachen vom Kopf aus verkaufen) habe ich lieben gelernt und kaufe mir so oft einfach aus dem Trotro heraus etwas zu essen (ein Eis oder nen Meat pie), wenn mir gerade danach ist. Auf der anderen Seite kann die Aufmerksamkeit, die alle den Obronis (weißen Leuten) entgegenbringen, ganz schön nerven und es hilft wirklich oft, mit einem Einheimischen unterwegs zu sein, um keine Obronipreise bezahlen zu müssen…
Aber alles in allem kann ich nun nach 1/3 meines Jahres sagen, ich bin angekommen, ich fühle mich “Zuhause” und weiß, wie ich wo hinkomme und wie ich mit den Leuten umgehen muss.

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